Kranke Mutter: Wohin mit den Kindern?

Vaterlosigkeit: Wenn der Vater geht und die Mutter alles allein trägt

In meinem Blog verarbeite ich auch Situationen aus meiner Coaching-Praxis. Die Geschichte von Tanja hat mich lange nicht losgelassen. Sie zeigt, was es bedeutet, wenn die Vaterliebe fehlt: für die Kinder und für die Mutter, die bleibt.

Der Vater geht, die Verantwortung bleibt

Tanja ist 28 Jahre alt und Mutter von zwei Jungs, anderthalb und drei Jahre alt. Nach der Geburt des zweiten Kindes hat sich der Vater aus dem Staub gemacht. Seitdem kommt von ihm nichts: kein Unterhalt, kein Besuch, kein Anruf.

Tanja lebt von Grundsicherung. Und sie hat eine Muskelerkrankung, die ihre körperliche Belastbarkeit stark einschränkt. Einen Wäschekorb heben oder den Einkauf in den zweiten Stock tragen, ist für sie Schwerstarbeit.

Sie erzählt: „Wenn ich den Kleinen in die Schaukel gehoben habe, bin ich völlig erledigt. Und nach fünf Minuten will er wieder raus.“ Und: „Wenn einer weint, dann weint auch der andere. Aber ich habe nicht die Kraft, beide im Arm zu halten und zu trösten.“

Zwei Kinder brauchen vier Arme. Tanja hat nur zwei.

Die Klinik als einziger Ort zum Luftholen

Zweimal war Tanja bereits für mehrere Wochen im Bezirksklinikum. Die Diagnose lautet Depression. Ich frage mich, ob das die ganze Wahrheit ist. Was ich sehe, ist eine Frau, die seit Jahren allein die Arbeit von zwei Eltern macht.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Alleinerziehend und einsam: Darüber habe ich ein Gedicht geschrieben.

Ob ihr die Klinik helfe, wollte ich wissen. „Ja“, sagt Tanja. „Aber es sind nicht die Therapien. Was mir wirklich hilft, sind drei Dinge:

  • Ich bin mal draußen von allem und muss keine Verantwortung tragen.
  • Ich habe einen geregelten Tagesablauf mit geregelten Mahlzeiten.
  • Es geht mal um mich.

Die Mauern der Psychiatrie geben Tanja den Schutz vor Überforderung, den sie im Alltag nirgends bekommt. Diese Erholung zahlt sie teuer: Während sie in der Klinik ist, leben ihre Söhne in einer Pflegefamilie. Jungs, die schon keinen Vater haben, sind dann wochenlang auch ohne Mutter.

Das Papa-Wochenende, das es nicht gibt

Nach zwölf Monaten Notfallpflege soll Tanja sich entscheiden. Entweder sie gilt weiter als krank, dann sucht das Jugendamt eine Pflegefamilie auf Dauer, bis die Kinder 18 sind. Oder sie gilt als gesund, dann endet jede Unterstützung.

Tanja will keins von beidem. „Ich brauche doch keine Pflege, bis meine Kinder 18 sind. Es wird doch besser, wenn sie älter und selbständiger werden.“ Auch eine Tagespflege unter der Woche hilft ihr nicht: Im Herbst kommt der Große in den Kindergarten um die Ecke, dort hat er seine Freunde.

Was sie sich wünscht, ist bescheiden: eine Betreuung am Wochenende, jede Woche 24 Stunden oder alle zwei Wochen 48 Stunden. Das ist genau die Zeit, die andere getrennte Mütter ganz selbstverständlich haben. Man nennt sie Papa-Wochenende.

Die Antwort des Jugendamtes: „Wir finanzieren Ihnen doch kein freies Wochenende.“

Tanja bittet den Staat um das, was der Vater ihrer Kinder schuldig bleibt. Und sie bekommt zu hören, das sei Luxus.

Die Mutter wird kontrolliert, der Vater wird nicht gefragt

Tanja hat sich selbst ans Jugendamt gewandt und um Hilfe gebeten. Trotzdem hörte sie dort den Satz: „Noch sind Sie kooperativ. Aber wenn Sie nicht mehr kooperativ sind, kann sich das Blatt sehr schnell wenden.“ Eine Bekannte riet ihr, lieber nicht noch einmal in die Klinik zu gehen: „Wer weiß, wie lange das Jugendamt da noch mitmacht.“

So erleben viele alleinerziehende Mütter das Jugendamt: Wer Hilfe sucht, gerät unter Beobachtung. Aus Unterstützung wird Kontrolle, und über jedem Gespräch schwebt die Angst, die Kinder zu verlieren. Das eigene Recht, etwa auf Einsicht in die Akte, lässt sich in der Praxis oft nur mühsam durchsetzen. Viele Mütter schweigen deshalb lieber und bitten gar nicht erst um Hilfe, bis sie zusammenbrechen.

Mich empört daran vor allem die Schieflage. Die Mutter, die bei ihren Kinder geblieben ist und die Verantwortung trägt, muss sich vor dem Jugendamt rechtfertigen, für ein bisschen Auszeit – und das, obwohl sie eine schwere Erkrankung hat. Den Vater, der gegangen ist, fragt niemand. Seine Abwesenheit hat für ihn keine Folgen.

Was die fehlende Vaterliebe kostet

Tanja vernachlässigt ihre Kinder nicht. Sie ist eine gute Mutter, die krank ist und allein. Studien zeigen seit Jahren, dass alleinerziehende Mütter deutlich häufiger und schwerer erkranken als Mütter in Partnerschaft. Überlastete Mütter werden zu kranken Müttern, und die Kinder verlieren nach dem Vater zeitweise auch noch die Mutter.

Tanja hat ausgerechnet, was die Entlastung kosten würde, die sie braucht: 350 Euro im Monat. Das ist sehr wenig, verglichen mit dem, was Klinikaufenthalte für sie und eine Pflegefamilie für zwei Kinder kosten würde. Rein finanziell. Von den emotionalen Folgen, die entstehen, wenn zwei kleine Jungs ihre Mutter verlieren, ganz zu schweigen.

Tanja sagt:

„Ich liebe meine Kinder. Und ich will, dass sie bei mir aufwachsen. Das Einzige, was ich brauche, ist von Zeit zu Zeit Entlastung und Regeneration. Was ist daran so schwer zu verstehen?“

Tanja, 28 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (1 und 3).

Was meinst du? Hat das Jugendamt richtig gehandelt? Oder braucht Tanja dringend Unterstützung? Schreib es gerne in die Kommentare.

Noch mehr Geschichten

Tanjas Geschichte ist eine von vielen, die ich in meinem Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“ erzähle. Name und Details habe ich zu ihrem Schutz verändert.

Noch mehr Geschichten über alleinerziehende Mütter, abwesende Väter und ihre Kinder findest du in meinem Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“. Außerdem mache ich darin auf die Misstände des Jugendamts aufmerksam und fordere, das Jugendamt zu einem „Familienamt“ umzubauen, das auch abwesende Väter in die emotionale Verantwortung für ihre Kinder nimmt.

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Das Buch zum Thema

Dieser Artikel greift ein Thema aus „Wenn die Vaterliebe fehlt“ auf. Im Buch findest du mehr Informationen: Forschungsergebnisse, die Entstehung von kindlichen Traumatisierungen, wie schwierig die Lebenssituation für Alleinerziehende ist, warum Väter den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen und welche Änderungen ich von der Gesellschaft fordere.

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4 Kommentare zu „Kranke Mutter: Wohin mit den Kindern?“

  1. ich bin sehr Krank gewesen mit 4 schwer Erkrankung eine Primiare Leber Sirhos, Jugendsamt hatte meine sohn weg genommen, obhut , ich wusste nicht über Kurzpflege, ich brauche Bratung suche eine gut Rechtanwalt der kan für mich beantragen eine Klage gegen Jugendsamt warum hatte mir keine informiert, familienhilfe wollte nicht am haushalt, hatte ich fieber mit alle anderen schwer Erkrankung
    mit freundlichen Grüssen
    fr Tiss

    Antworten
    • Hallo Tiss, das tut mir leid. Anwälte, die sich darauf spezialisert haben, findest du im Internet. In der Suchmaschine „Anwalt, Jugendamt, Kindeswohl“ eingeben. Oder du lässt dich bei einer Beratungsstelle beraten, zum Beispiel der EUTB, der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung. Die wurde geschaffen für Menschen mit Krankheiten und/oder Behinderung und gibt es auch in deiner Nähe. Gute Besserung und alles Gute für deine Familie

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