Allein, verdammt allein“ – ein Gedicht über Erschöpfung, fehlende Unterstützung und Selbstmitgefühl

…aus meinem Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“

Progressive Muskelentspannung. Meditation. Auszeiten im Alltag. Noch mehr Anstrengung. Jahrelang habe ich geglaubt, ich müsste nur genug an mir arbeiten, dann würde ich mein Leben endlich „in den Griff bekommen“. Was mir niemand gesagt hat: Ich war maximal überfordert. Und das nicht, weil ich zu wenig getan habe. Sondern, weil ich allein war – verdammt allein. Ohne einen Vater für meine Tochter und ohne ein soziales Netz, das mich aufgefangen hätte. Und das Perfide: Genau diese Einsamkeit wird alleinerziehenen Müttern vom Helfersystem und vom Umfeld nicht gespiegelt.

In diesem Gedicht aus meinem Buch Wenn die Vaterliebe fehlt erzähle ich, was echte Erschöpfung für Alleinerziehende bedeutet – und wie ich heute, mit dem zeitlichen Abstand und voller Selbstmitgefühl, auf diese Zeit zurückblicke.

Früher auf Mutter-Kind-Kur
habe ich progressive Muskelentspannung und Meditation gelernt
und gedacht
wenn ich mich im Alltag regelmäßig entspannen würde
wenn ich regelmäßig meditieren würde
dann wäre ich weniger erschöpft und kraftvoller
dann würde ich mein Leben schon in den Griff bekommen

Später dann hat mir mein Therapeut gesagt
dass ich Gefühle nicht unterdrücken darf
dass ich mich mehr entspannen soll und unter Leute gehen müsse
dass ich Anträge stellen solle und mich wehren gegen Feindseligkeiten
und ich habe gedacht
wenn ich das alles umsetzen würde
dann wäre ich glücklicher
dann würde ich mein Leben schon in den Griff bekommen

Und ich habe versucht alles umzusetzen
ich habe versucht, mich noch mehr anzustrengen
um alles auf die Reihe zu bekommen
um mein Leben in den Griff zu bekommen
um glücklich zu sein

Aber keiner hat mir jemals gesagt
dass ich allein war, verdammt allein
dass kein Kindsvater da war, der mich unterstützt hat
kein Kindsvater, der die Verantwortung für mein Kind mit mir geteilt hätte
kein Vater für meine Tochter
kein Partner für Nähe, Zärtlichkeit und Intimität
kein Vater, kein Bruder, kein Onkel, kein Cousin
keine Mutter, keine Schwester, keine Tante, keine Cousine
die mir zugehört und mich getröstet hätten
sondern gleichgültig und manchmal sogar feindselig 
hättest halt kein Kind gekriegt
Kein Nachbar
der mich wohlwollend und interessiert auf einen Kaffee eingeladen hätte oder mal ein Regal angeschraubt hätte

Keiner hat mir jemals gesagt
dass ich allein war, verdammt allein
dass es nichts bringt, sich noch mehr anzustrengen
dass ich andere Menschen gebraucht hätte
die für mich da gewesen wären
dass ich andere Menschen gebraucht hätte
die mich unterstützt hätten
um alles zu bewältigen

Heute weiß ich
dass es ein unmögliches Unterfangen war
sich noch mehr anzustrengen
und dabei zu versuchen, glücklich zu sein
Heute schenke ich mir einen Atemzug der Liebe, der Wärme und des Mitgefühls
für mich, die sich so sehr angestrengt hat
mit der Hoffnung auf Sicherheit und ein bisschen Leichtigkeit
mit der vergeblichen Hoffnung auf Unterstützung von anderen Menschen
ein  Atemzug des Verständnises, der Selbtliebe und des Selbstmitgefühls
für mich
die so voller Liebe war für ihre Tochter
und voller Hoffnung aufs Leben

Heute verstehe ich
dass ich überfordert war, bis über meine Grenzen hinaus
dass ich einsam und emotional durchgefroren war bis auf die Knochen
dass ich allein war und so verdammt einsam
dass ich Unterstützung und Entlastung gebraucht hätte
dass ich mich nach Verständnis und Mitgefühl gesehnt habe

Heute sehe ich, wie schlimm es für mich war
damals

Heute blicke ich auf mein Leben als alleinerziehende Mutter zurück
und staune und bin traurig zugleich
Ich bin froh
dass ich nicht aufgegeben habe
dass ich nicht untergegangen bin und
dass ich alles irgendwie möglich gemacht habe

Heute frage ich mich
wie ich das lange Jahre überhaupt geschafft habe
alles allein

ANDREA ELEONORE WIEDEL
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