Entwicklungstrauma: Wie und warum Neurofeedback hilft

Blogartikel erstmals erschienen im Januar 2021, vollständig überarbeitet im Oktober 2026

Kann Neurofeedback bei Entwicklungstrauma helfen? Aus Neugier und aufgrund eigener Betroffenheit habe ich es ausprobiert. Auf die Idee gebracht hat mich Bessel van der Kolk, der Neurofeedback in seinem Buch „Verkörperter Schrecken“.

Ich bekomme Elektroden an meinen Kopf, sitze eine knappe Stunde vor einem Monitor und schaue einen Film meiner Wahl. Dabei halte ich ein Plüschtier in meinen Händen auf meinem Schoß. Im Plüschtier ist ein Motor eingebaut, der vibrieren kann. Von Zeit zu Zeit verkleinert sich das Bild auf dem Monitor. Dann vibriert der Motor im Plüschtier und das Bild vergrößert sich wieder.

Warum, wieso, weshalb – blieb mir ein Rätsel.

Nach dem Neurofeedback fühlte ich mich sehr unterschiedlich. Meistens war ich total gechillt, entspannt und präsent. Die Sinneseindrücke waren intensiver, einmal nahm ich zum Beispiel die Bässe der Musik viel stärker wahr. Das Einparken gelang mir mit Leichtigkeit. Statt Stadtbummel entschied ich mich für Ruhe und Regeneration daheim. In einem Konflikt reagierte ich schnell und ruhig und stand doch für mein Anliegen ein.

Nur zweimal war es anders: Ich bin in Tränen ausgebrochen, ohne ersichtlichen Grund, nur aus innerem Anlass, einfach so. Heute weiß ich: Solche Reaktionen können vorkommen, wenn sich im Nervensystem etwas löst. Wichtig ist, sie mit dem Therapeuten zu besprechen.

Mein Neurofeedback-Therapeut hielt sich mit theoretischen Erklärungen zurück. Er lauschte aber immer interessiert meinen Berichten und war sehr zufrieden mit den Wirkungen, die ich ihm schilderte. Denn sie zeigten ihm, dass das Neurofeedback bei mir wirkt.

Doch ich will die Dinge verstehen. Und so habe ich das Buch „Neurofeedback“ von Meike Wiedemann und Kirsten Segler gelesen (Werbelink). Was ich daraus gelernt habe, erzähle ich dir in diesem Artikel.

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Ein Entwicklungstrauma entsteht nicht durch ein einzelnes schlimmes Ereignis. Es entsteht, wenn ein Kind über lange Zeit nicht bekommt, was es braucht: Sicherheit, Trost, Zuwendung, jemanden, der es sieht und beruhigt. Oder wenn es über Jahre Angst, Abwertung oder Gewalt erlebt.

Ein kleines Kind kann sich noch nicht selbst beruhigen. Es lernt das erst durch einen Erwachsenen, der es immer wieder tröstet und hält. Fehlt diese Erfahrung, bleibt das Nervensystem im Alarm. Es lernt: Die Welt ist nicht sicher, ich muss ständig auf der Hut sein.

Warum hilft Neurofeedback bei Entwicklungstrauma?

Dieser Alarm verschwindet nicht einfach, wenn wir erwachsen sind. Viele Betroffene kennen das: Sie sind dauernd angespannt, schreckhaft und gereizt. Oder sie fühlen sich erschöpft, wie abgeschaltet und innerlich leer. Oft wechselt beides. Das Gehirn hat nie richtig gelernt, von Anspannung zurück in die Ruhe zu finden.

Genau hier setzt Neurofeedback an. Das Gehirn übt, sich selbst zu regulieren, also das nachzuholen, was es in der Kindheit nicht lernen konnte. Und zwar ohne dass ich dafür über die alten Erlebnisse sprechen muss.

Wie funktioniert Neurofeedback?

Der Klient setzt sich vor einen Monitor und bekommt Elektroden an seinen Kopf. Die Elektroden messen die Hirnströme und senden sie an einen Computer. Der Klient bekommt die Messwerte zurückgemeldet, ich zum Beispiel dadurch, dass sich das Bild meines Films verkleinert. Das ist das Feedback.

Gleichzeitig lernt das Gehirn, die Hirnströme in eine gewünschte Richtung zu regulieren. Wenn es gelingt, gibt es eine Belohnung: Bei manchen tauchen Smileys auf dem Bildschirm auf. Bei mir vibrierte der Motor im Plüschtier und das Bild wurde wieder größer.

Das Besondere: Ich habe keine Ahnung, was ich gemacht habe, damit das Bild wieder größer wird. Ehrlich.

Ich habe keine Ahnung, was mein Gehirn gemacht hat. Aber es hat funktioniert.

Andrea Wiedel

In dem Buch habe ich erfahren, dass es sogar hilfreich ist, wenn man nicht bewusst weiß, was man tut. Denn das Unterbewusstsein weiß sehr gut, was es tut. Und genau darauf kommt es an.

Übrigens: Neurofeedback ist eine Form des Biofeedbacks. Beim Biofeedback werden Körperfunktionen wie Herzschlag oder Blutdruck gemessen, beim Neurofeedback die Hirnströme.

Wie ist Neurofeedback entstanden?

Neurofeedback ist bereits in den 60er Jahren entstanden. Ein Wissenschaftler trainierte seine Katzen im Versuchslabor, ruhig zu liegen. Dabei stellte er fest, dass ihr Gehirn in einer ganz bestimmten Frequenz schwang. Er nannte sie SMR, den sensomotorischen Rhythmus. So heißt sie bis heute.

Dann bekam er einen anderen Auftrag: Er sollte testen, wie ein bestimmter Stoff im Körper wirkt. Seine Katzen bekamen davon epileptische Anfälle, außer jenen, die gelernt hatten, sich selbst in den SMR-Modus zu bringen.

Und wie der Zufall es will: Seine Sekretärin lebte mit Epilepsie. Sie war neugierig, experimentierfreudig und hatte nichts zu verlieren. Also lernte auch sie mithilfe der Apparatur, sich in den SMR-Modus zu bringen. Und siehe da: Ihre Anfälle wurden seltener und schwächer.

Das war die Geburtsstunde des Neurofeedbacks.

Wie arbeitet ein gut reguliertes Gehirn?

  • Es wechselt flexibel zwischen drei Netzwerken: dem Ruhezustandsnetzwerk, dem Aufmerksamkeitsnetzwerk und dem Wächternetzwerk. Ein Beispiel: Im Wartezimmer träumen wir vor uns hin oder grübeln über die Beziehung nach (Ruhezustand). Ruft die Sprechstundenhilfe unseren Namen, sind wir sofort hellwach (Wächter). Und im Gespräch mit dem Arzt können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren (Aufmerksamkeit).
  • Es ist entspannt und konzentriert zugleich: Die meiste Zeit schwingt ein gut reguliertes Gehirn im SMR-Modus, den wir von den Katzen und der Sekretärin kennen. In diesem Zustand gehen wir konzentriert, aber nicht verbissen einer Arbeit nach, schlendern durch die Fußgängerzone oder telefonieren mit einer Freundin.

Für unser Gehirn ist der optimale Zustand, sowohl entspannt als auch konzentriert zu sein. Mit Neurofeedback lernen wir, diesen Zustand herzustellen.
(sinngemäß nach Meike Wiedemann und Kirsten Segler)

Außerdem braucht das Gehirn regelmäßig Pausen ohne konzentrierte Aufmerksamkeit.

Unser Gehirn braucht alle 60 bis 90 Minuten Zeit zum Ausruhen, um gesund zu bleiben.
(sinngemäß nach Meike Wiedemann und Kirsten Segler)

Was passiert, wenn das Gehirn aus dem Gleichgewicht gerät?

  • Der Wechsel zwischen den Netzwerken gelingt nicht: Wir sind im Wartezimmer so verträumt, dass wir nicht mitbekommen, wenn unser Name aufgerufen wird. Oder wir können uns nicht auf das Gespräch mit dem Arzt konzentrieren.
  • Das Gehirn ist übererregt: Es schwingt zu schnell. Dann sind wir verbissen, angespannt oder sogar panisch. Das kennen wir von unbeliebten Aufgaben wie der Steuererklärung oder von Prüfungen. Wir erledigen die Aufgabe zwar, sind danach aber völlig erschöpft.
  • Das Gehirn ist untererregt: Es schwingt zu langsam. Dann sind wir unkonzentriert, schlapp, müde und lethargisch. Beim Meditieren oder kurz vor dem Einschlafen ist das passend. Tagsüber ist es hinderlich.

Bei welchen Beschwerden wird Neurofeedback eingesetzt?

Die Autorinnen gehen davon aus, dass hinter Entwicklungstrauma, vielen psychischen und einigen psychosomatischen Krankheiten dasselbe Problem steckt: Das Gehirn kann sich nicht gut selbst regulieren. Deshalb wird Neurofeedback unter anderem bei folgenden Beschwerden eingesetzt:

  • ADS/ADHS und Hyperaktivität
  • Autismus-Spektrum-Störung
  • Depression, Burnout, bipolare Störung
  • Angststörung
  • Essstörung
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Traumafolgestörungen
  • Suchterkrankungen
  • Epilepsie
  • Migräne
  • chronische Schmerzen
  • Stressbelastung

Wie gut Neurofeedback hilft, ist je nach Beschwerde unterschiedlich gut erforscht. Am längsten wird es bei ADHS und Epilepsie eingesetzt.

Ein Beispiel: ADS und ADHS

Auch ADS kann mit einem Entwicklungstrauma zusammenhängen. Typisch sind Gehirne, die eher zu langsam schwingen. Und zwar nicht nur bei den „Träumerchen“, sondern auch bei den „Zappelphilippen“, die ständig in Bewegung und nervös sind. Das klingt erst mal paradox. Wieso hat ein Zappelphilipp ein untererregtes, schläfriges Gehirn? Ganz einfach: Die Zappelei hilft ihm, sich besser zu konzentrieren.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich zapple zwar nicht, aber bei Vorträgen und Webinaren male ich Kugelschreiberzeichnungen aufs Papier, schreibe den größten Unsinn mit, daddle am Smartphone oder, das ist die effizienteste Variante, stricke.

Und was ist mit Psychotherapie und Medikamenten?

Gesprächstherapie hilft, die Zusammenhänge zu verstehen. Aber Verstehen allein reicht oft nicht, um etwas zu verändern, wenn das Nervensystem im Alarm bleibt. Die Autorinnen berichten von Klienten, die nach einer Psychotherapie zu ihnen kommen und sagen: „Ich will nicht schon wieder die alten Dinge erzählen!“

Medikamente können entlasten, wirken aber in der Regel nur, solange man sie nimmt, und können Nebenwirkungen haben. Neurofeedback kann beides ergänzen. Wichtig: Setze Medikamente nie ohne Rücksprache mit deinem Arzt ab.

Wie lange dauert Neurofeedback?

Neurofeedback wirkt oft schnell. Manchmal gibt es schon nach drei Sitzungen erste Erfolge. Das kann ich bestätigen, auch wenn sie bei mir nicht ganz so deutlich waren.

Je nach Diagnose und Schwere braucht man 30 bis 40 Sitzungen. Zu Beginn ist es ratsam, ein- bis zweimal in der Woche zu gehen. Später können die Abstände größer werden.

Das Neurofeedback sollte nicht zu früh abgebrochen werden, sondern auch dann noch eine Weile weiterlaufen, wenn es dir besser geht. Sonst können die Beschwerden zurückkommen.

Allerdings musst du Neurofeedback nicht bis an dein Lebensende machen. Unser Gehirn arbeitet da anders als unsere Muskeln, die wir ständig trainieren müssen. Wenn das Gehirn einmal gelernt hat, sich selbst zu regulieren, dann bleibt dieser Lernerfolg nach Erfahrung der Autorinnen meist langfristig erhalten. Ähnlich wie beim Fahrradfahren: Was man einmal gelernt hat, verlernt man nicht so schnell.

Neurofeedback: Was kostet es? Wer zahlt es?

Neurofeedback wird von Ärzten, Psychotherapeuten und Ergotherapeuten angeboten. Je nachdem, zu wem du gehst, zahlst du es selbst oder die Krankenkasse übernimmt die Kosten.

Der einfachste Weg führt oft über die Ergotherapie: Neurofeedback kann als Ergotherapie auf Rezept verordnet werden. So war es auch bei mir. Dafür musst du keinen Antrag bei der Krankenkasse stellen, du brauchst nur das Rezept.

Frag am besten direkt in der Praxis nach, welche Verordnung sie braucht und was es kostet, wenn du selbst zahlst. Einen Neurofeedback-Therapeuten in deiner Nähe findest du bei der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback.

Neurofeedback und Coaching mit Tiefer Empathie: zwei Wege zum selben Ziel

Neurofeedback beruhigt das Gehirn über Technik. Es gibt aber noch einen anderen Weg, der das Gehirn beruhigt: Empathie.

In meinem Coaching mit Tiefer Empathie gibt es einen sehr, sehr langsamen Teil. Ich wiederhole die Sätze, die mein Gegenüber gesagt hat, Wort für Wort und ganz in Ruhe. Das ist Absicht. Denn wenn wir unsere eigenen Worte von einem anderen Menschen hören, passiert etwas im Gehirn: Der Teil, der Worte findet und ordnet, kommt in Kontakt mit dem Teil, der fühlt. Kopf und Gefühl, Kopf und Körper arbeiten wieder zusammen, statt gegeneinander.

Meine Klienten merken das meist sofort: Der Atem wird tiefer, die Schultern sinken, es wird ruhiger im Inneren. Viele spüren ihren Körper wieder, oft zum ersten Mal seit Langem.

Auch Coaching mit Tiefer Empathie hilft dem Gehirn also, sich selbst zu regulieren. Und es schenkt etwas, das ein Gerät nicht geben kann: die Erfahrung, von einem Menschen wirklich gehört zu werden. Genau das hat bei einem Entwicklungstrauma gefehlt.

Ich habe beides erlebt, und für mich hat sich beides gut ergänzt.

Mein Fazit

Neurofeedback ist kein Wundermittel, aber eine wertvolle Unterstützung bei Entwicklungstrauma. Es hilft dem Gehirn, zur Ruhe zu finden, ohne dass du über das Erlebte sprechen musst.

Eine weitere Möglichkeit, die Fähigkeit der Selbstregulation zu lernen ist, Coaching mit Tiefer Empathie (Tiefe-Empathie-Methode). Tiefe Empathie heißt, dass du mit Einfühlsamkeit mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen begleitet wirst. Durch die Regulation von anderen lernst du, dich selbst zu regulieren. Gefühle wollen da sein, bevor sie gehen können.

In einem Schnuppercoaching lernst du, wie sich Tiefe Empathie und Selbstregulation anfühlt. Ganz bequem von zu Hause.

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Quelle: Meike Wiedemann und Kirsten Segler: Neurofeedback. Wie eine spielerisch leichte Therapie dem Gehirn hilft, Probleme zu überwinden. Kösel-Verlag, München 2017.

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