Wenn die Vaterliebe fehlt: Warum wir endlich über abwesende Väter sprechen müssen

Wir reden viel über alleinerziehende Mütter – und darüber, was sich gesellschaftlich für sie ändern sollte. Aber über wen reden wir eigentlich nicht? Über die Väter. Über jene Väter, die sich aus dem Staub gemacht und ihre Kinder im Stich gelassen haben.

Genau darum geht es in meinem neuen Buch Wenn die Vaterliebe fehlt – von abwesenden Vätern, alleinerziehenden Müttern und traumatisierten Kindern. Mein Name ist Andrea Wiedel. Ich bin Juristin, Traumacoach und Autorin – und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war selbst jahrelang alleinerziehend, mit einem Kind, dessen Vater seine Vaterschaft unterlassen hat.

In diesem Artikel gebe ich dir einen Einblick in die acht Kapitel des Buches, damit du weißt, was dich erwartet.

Warum „alleinerziehend“ nicht gleich „alleinerziehend“ ist

Im ersten Kapitel geht es um die Macht der Sprache. Wir werfen das Wort alleinerziehend in einen Topf und rühren einmal um – dabei sind die Lebensrealitäten völlig verschieden. Da ist die alleinerziehende Mutter, deren Partner verstorben ist. Da ist die alleinerziehende Mutter mit einem engagierten Wochenendpapa, der sich um Ferien und Wochenenden kümmert. Und da ist die alleinerziehende Mutter, deren Kind vom Vater komplett im Stich gelassen wurde – für sie gibt es bislang keinen eigenen Begriff.

Wir haben Worte für den Wochenendpapa, für Trennungsväter – aber keinen Begriff für Väter, die sich in Luft aufgelöst haben. Mein Vorschlag: Nennen wir es beim Namen. Väter, die ihre Kinder im Stich gelassen haben. Nur wenn wir eine Sprache dafür haben, können wir wirklich darüber sprechen.

Abwesende Vaterschaft: eine juristische Lücke

Im zweiten Kapitel wird es juristisch – es geht um das Konzept der abwesenden Vaterschaft aus rechtlicher Perspektive. In Deutschland ist unterlassene Hilfeleistung strafbar: Wer an einem Unfall vorbeikommt und keine Hilfe leistet, macht sich strafbar. Wer aber ein Kind zeugt und sich anschließend nicht um dieses Kind kümmert, bleibt straffrei.

Das halte ich für falsch. Kinder sind eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, und Eltern stehen laut Grundgesetz in der Pflicht, die erzieherische und pflegerische Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. In 95 % der Fälle betrifft die Verletzung dieser Pflicht Väter. Deshalb plädiere ich für einen eigenen Straftatbestand: die unterlassene Vaterschaft. Wie dieser konkret aussehen könnte, erkläre ich ausführlich im Buch.

Die häufigsten Einwände – und warum sie nicht standhalten

Jedes Mal, wenn ich von der Idee eines Straftatbestands erzählt habe, kamen zwei Einwände: „Dann wird das Kind zum Umgang mit dem Vater gezwungen – und erzwungener Umgang schadet dem Kind.“ Und: „Liebe kann man nicht erzwingen.“ Im dritten Kapitel setze ich mich ausführlich mit beiden Argumenten auseinander und zeige, warum sie sich entkräften lassen.

Geschichten von Vaterwunden

Im vierten Kapitel wird es historisch und literarisch. Ich erzähle Geschichten von Vätern, die sich aus dem Staub gemacht haben, von alleinerziehenden Müttern und von Kindern, die jahrelang an ihrer Vaterwunde getragen haben – von Goethes Gretchen, die als alleinerziehende Mutter sogar zum Tode verurteilt wurde, bis zu Oprah Winfrey, Stephen King und Astrid Lindgren. Emotional ergreifend und teils haarsträubend.

Wenn die Vaterliebe fehlt: das Trauma der Mütter

Ab Kapitel 5 widmen wir uns der psychologischen Seite. Unsere Gesellschaft tut oft so, als sei Alleinerziehen nichts Besonderes – dabei macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ein Kind von einer Person oder von mindestens zwei Erwachsenen großgezogen wird. Wer allein erzieht, trägt mehr Verantwortung mit deutlich weniger Ressourcen und Zeit zur eigenen Regeneration.

Ich gehe so weit zu sagen: Alleinerziehend-Sein ist eine permanente strukturelle Überforderung und eine emotionale Traumatisierung. Einsamkeit, Armut, Erschöpfung – Themen, die nicht selten in Erschöpfung und Burnout münden.

Das Trauma der Kinder, wenn die Vaterliebe fehlt

Viele denken, Trauma entsteht nur durch Gewalt. Doch Trauma kann auch entstehen, wenn etwas fehlt – wenn der zweite Elternteil fehlt. Das war zunächst eine persönliche Vermutung von mir. Doch die Forschung bestätigt sie eindeutig: Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen ohne Vater und einem lebenslang erhöhten Risiko für Angststörungen, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bindungsschwierigkeiten und eingeschränkte berufliche Entwicklung – bei Söhnen wie bei Töchtern gleichermaßen.

Was wissen wir eigentlich über abwesende Väter?

Rund eine Million Väter in Deutschland – und wir wissen fast nichts über sie. Es fehlt an einem Begriff, es fehlt an Forschung. Wir wissen, wo Alleinerziehende einkaufen, aber wir wissen kaum, wie und ob der typische abwesende Vater seine Kinder unterstützt. Die wenige vorhandene Forschung zeigt: Väter entscheiden sich meist nicht bewusst dafür, den Kontakt abzubrechen – der Kontakt verläuft im Sande, ohne dass gesellschaftlich etwas passiert, um Väter wieder in die Verantwortung zu nehmen.

Meine Forderungen: vom Jugendamt zum Familienamt

Im letzten Kapitel geht es um zwei konkrete Forderungen:

Erstens die Umgestaltung des Jugendamts in ein Familienamt. Aktuell schreitet das Jugendamt bei Kindeswohlgefährdung ein – aber wenn sich ein Vater seiner grundgesetzlich verankerten Verantwortung entzieht, passiert nichts. Ich wünsche mir, dass Mitarbeitende in Bindungstheorie geschult werden und aktiv dazu beitragen, Väter in die Pflicht zu nehmen.

Zweitens: Wenn wir die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Kinder ernst nehmen, müssen wir Väter, die sich bewusst entziehen, auch zur Verantwortung ziehen – mit dem Straftatbestand der unterlassenen Vaterschaft.

Keine Anklageschrift, aber eine Wutschrift

Mein Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“ ist keine Anklageschrift, aber eine Wutschrift. Ich möchte auf diesen Missstand aufmerksam machen – und ich möchte, dass unsere Gesellschaft endlich Maßnahmen ergreift und sich verändert.


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