Depressionen, Ängste, ein geringes Selbstwertgefühl. Ausbleibender Erfolg im Beruf, Konflikte, Schwierigkeiten in Beziehungen und in der Sexualität. Viele Menschen kennen das und fragen sich, woher es kommt. Eine weit verbreitete Ursache wird bis heute kaum beachtet und kaum erforscht: vaterlos aufgewachsen zu sein.
Ich bin Juristin, Traumacoach und Autorin des Buches Wenn die Vaterliebe fehlt. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin eine alleinerziehende Mutter, und mein Kind ist ohne Vater aufgewachsen. In diesem Artikel stelle ich eine deutsche Langzeitstudie vor. Sie zeigt, was aus Kindern wird, deren Vater aus ihrem Leben verschwunden ist, und wie lange dieses Kindheitstrauma nachwirkt.
Die Studie: 150 Scheidungsfamilien mit abwesendem Vater
Die Sozialwissenschaftlerin Napp-Peters wollte wissen, wie es Kindern in Trennungsfamilien gesundheitlich geht. Sie wählte 150 Scheidungsfamilien nach dem Zufallsprinzip aus und begleitete sie über zwölf Jahre.
Obwohl die Familien zufällig ausgewählt waren, hatten die Kinder keinen Kontakt mehr zum Vater. Zwischen den Eltern herrschte Funkstille oder massiver Streit.
Erste Erhebung 1980/81: Das Kindheitstrauma zeigt sich früh
Bei der ersten Befragung lag die Scheidung im Schnitt viereinhalb Jahre zurück. Die Kinder waren zwischen 2 und 16 Jahre alt.
Schon zu diesem Zeitpunkt zeigte jedes vierte Kind dauerhafte Verhaltensstörungen: aggressives Verhalten, Schulprobleme, Diebstahl, Wutausbrüche, Tierquälerei, Lügen, Weglaufen. Jedes fünfte Kind reagierte mit Bettnässen, extremer Angst oder sogar mit Suizidversuchen.
Zweite Erhebung 1992/93: Ohne Vater aufgewachsen, zwölf Jahre später
Zwölf Jahre später waren aus den Kindern junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren geworden. Die Ergebnisse sind erschütternd:
- 75 Prozent, also drei von vier, schafften es nicht, ihren Alltag zu bewältigen und eine Lebensperspektive zu entwickeln.
- 50 Prozent, also die Hälfte, hatten Probleme mit Alkohol und Drogen.
- 33 Prozent, also jeder Dritte, waren arbeitslos, ohne Ausbildung oder schlugen sich mit Aushilfsjobs durch.
Die jungen Erwachsenen erzählten von Kontaktschwierigkeiten, Bindungsängsten und Problemen in der Sexualität. Auf die Interviewer wirkten sie depressiv, mutlos und unglücklich.
In all den Jahren hatte kein einziger Fachmensch mit ihnen über ihre Lebenssituation und ihre Gefühle gesprochen. Das ist bis heute so. Denn das Aufwachsen ohne Vater bei einer alleinerziehenden Mutter gilt inzwischen als ganz normal.
Der Lichtblick: Was Kinder von Alleinerziehenden geschützt hat
25 Prozent der jungen Erwachsenen meisterten ihr Leben. Was unterschied sie von den anderen?
Sie hatten eine gute Beziehung zur Mutter. Und sie hatten Menschen außerhalb der Familie, die sie unterstützten.
Fazit: Was Vaterlosigkeit anrichtet und was Kinder schützt
Die Studie ist klein und alt. Ihre Ergebnisse lassen sich aus meiner Sicht dennoch auf heute übertragen. Sie zeigt zweierlei.
Erstens: Die emotionalen Wunden sind tief, wenn ein Kind ohne Vater aufwächst. Die Spuren dieses Kindheitstraumas reichen bis weit ins Erwachsenenleben.
Zweitens: Kinder brauchen ein stabiles Netzwerk aus erwachsenen Bezugspersonen. Je größer und breiter gefächert dieses Netzwerk ist, desto mehr Halt gibt es ihnen. Nur mit Erwachsenen, die für sie da sind, können Kinder zu gesunden Erwachsenen heranwachsen.
Quelle: Liebig, Stefanie: Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung. Folgen von Vaterlosigkeit und Vaterentbehrung, Akademikerverlag, 2012
Mehr dazu in meinem Buch: Wenn die Vaterliebe fehlt
Was meinst du: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen ohne Vater und Schwierigkeiten im späteren Leben? Schreib es mir in die Kommentare.
In meinem Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“ stelle ich weitere Studien aus Schweden, den USA und Deutschland vor.

Das Buch zum Thema
Dieser Artikel greift ein Thema aus „Wenn die Vaterliebe fehlt“ auf. Im Buch findest du mehr Informationen: Forschungsergebnisse, die Entstehung von kindlichen Traumatisierungen, wie schwierig die Lebenssituation für Alleinerziehende ist, warum Väter den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen und welche Änderungen ich von der Gesellschaft fordere.
Zum Buch