ACE-Studie Ergebnisse: Wenn Kindheit krank macht

Welche Folgen haben kindliche Traumatisierungen im Erwachsenenalter? Kann eine kalte und lieblose Kindheit wirklich krank machen – im wahrsten Sinn des Wortes? Und wenn ja: Welche Symptome und Spätfolgen haben Erwachsene, wenn sie in der Kindheit traumatisiert wurden?

Die Ergebnisse der amerikanischen ACE-Studie zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen traumatischen Kindheitserlebnissen und der Gesundheit als Erwachsener, psychisch wie körperlich. Je mehr Arten von Kindheitstrauma ein Mensch erlebt hat, desto größer ist der negative Einfluss. Was die ACE-Studie ist und welche 10 Arten von Kindheitstrauma sie unterscheidet, liest du hier: ACE-Studie einfach erklärt

Die Folgen lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  • psychische Krankheiten
  • Suchterkrankungen
  • körperliche Krankheiten

Ergebnisse der ACE-Studie auf einen Blick

Die Infografik zeigt, wie vielfältig die Folgen sind. Neben Krankheiten fand die Studie auch Verhaltensmuster wie Bewegungsmangel oder häufiges Fehlen bei der Arbeit. Die wichtigsten Ergebnisse stelle ich dir im Folgenden mit Zahlen vor.

Infografik zu den Ergebnissen der ACE-Studie. Verhalten: Bewegungsmangel, Rauchen, Alkoholismus, Drogen, Fehlen bei der Arbeit. Physische und mentale Gesundheit: Übergewicht, Depressionen, Krebs, Herzkrankheiten, Suizidversuche, Schlaganfall, Geschlechtskrankheiten, Diabetes, Knochenbruch, COPD
Ergebnisse der ACE-Studie: Folgen von Kindheitstrauma für Verhalten und Gesundheit

Ergebnisse der ACE-Studie: psychische Krankheiten

Menschen mit kindlichen Traumatisierungen entwickeln als Erwachsene psychische Krankheiten, wie Depression und Suizidversuche.

Kindheitstrauma und Depression

Je mehr Kindheitstraumata ein Mensch erlebt hat, desto häufiger erkrankt er als Erwachsener an einer Depression. Ohne Kindheitstrauma sind es 14 Prozent. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata ist es schon jeder Zweite, nämlich 51 Prozent. Das Risiko ist also mehr als dreimal so hoch.

Balkendiagramm: Depression bei 14 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 51 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Depression nach Anzahl der Kindheitstraumata

Wie eng Depressionen mit dem Fehlen des Vaters zusammenhängen können, liest du hier: Vaterlos aufgewachsen.


Kindheitstraumata und Suizidversuche

Auch Suizidversuche hängen eng mit Kindheitstraumata zusammen. Ohne Kindheitstrauma hat gut 1 Prozent der Erwachsenen versucht, sich das Leben zu nehmen. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 18 Prozent, also fast jeder Fünfte. Das ist rund fünfzehnmal so häufig.

Balkendiagramm: Suizidversuche bei 1 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 18 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Suizidversuche nach Anzahl der Kindheitstraumata

Wenn du selbst an Suizid denkst, sprich mit jemandem darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.


Kindheitstrauma und Sucht

Menschen mit Kindheitstraumata entwickeln als Erwachsene deutlich häufiger eine Sucht, ob nach Alkohol, Nikotin oder illegalen Drogen. Oft ist die Sucht ein Versuch, mit dem alten Schmerz irgendwie zurechtzukommen. Alkohol, Zigaretten oder Drogen beruhigen kurzfristig, was in der Kindheit nie getröstet wurde. Süchte und Drogen sind ein Versuch der Selbstregulation von unangenehmen Gefühlen.

Kindheitstrauma und Alkoholismus

Ohne Kindheitstrauma werden 3 Prozent der Menschen als Erwachsene alkoholkrank. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 16 Prozent. Das Risiko für eine Alkoholsucht ist damit mehr als fünfmal so hoch.

Balkendiagramm: Alkoholismus bei 3 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 16 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Alkoholismus nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Rauchen

Auch beim Rauchen zeigt sich der Zusammenhang. Ohne Kindheitstrauma rauchen 7 Prozent der Erwachsenen. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 17 Prozent. Das ist fast zweieinhalbmal so viel.

Balkendiagramm: Rauchen bei 7 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 17 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Rauchen nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Drogen

Am deutlichsten ist der Unterschied bei den illegalen Drogen. Von den Erwachsenen ohne Kindheitstrauma haben 6 Prozent Drogen genommen. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 28 Prozent, also mehr als jeder Vierte. Das ist mehr als viermal so viel.

Balkendiagramm: Konsum illegaler Drogen bei 6 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 28 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Konsum illegaler Drogen nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und körperliche Krankheiten

Kindheitstraumata hinterlassen nicht nur seelische Spuren, sondern auch körperliche. Menschen mit vielen belastenden Kindheitserfahrungen erkranken als Erwachsene häufiger an Herz, Leber und Lunge. Ein Grund dafür: Der Körper eines Kindes, das ständig in Angst lebt, steht unter Dauerstress. Dazu kommen die Süchte, denn Rauchen und Alkohol schaden dem Körper zusätzlich.

Kindheitstrauma und schlechter Gesundheitszustand

Die Teilnehmer der ACE-Studie sollten auch angeben, wie es ihnen gesundheitlich insgesamt geht. Ohne Kindheitstrauma beschrieben 16 Prozent ihren Gesundheitszustand als schlecht. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata waren es 29 Prozent, also fast doppelt so viele.

Balkendiagramm: schlechter Gesundheitszustand bei 16 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 29 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: schlechter Gesundheitszustand nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Übergewicht

Ohne Kindheitstrauma sind 5 Prozent der Erwachsenen stark übergewichtig. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 12 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Auch Essen kann, ähnlich wie eine Sucht, ein Weg sein, sich selbst zu trösten. Und für Sport könnte die Kraft und Motivation fehlen.

Balkendiagramm: starkes Übergewicht bei 5 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 12 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: starkes Übergewicht nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Herzkrankheiten

Wir sagen, Kummer kann einem das Herz brechen. Die ACE-Studie zeigt, dass darin ein Stück Wahrheit steckt. Bei einem oder zwei Kindheitstraumata zeigt sich zwar noch kein Unterschied, um die 4 Prozent der Erwachsenen sind herzkrank. Ab drei Kindheitstraumata steigt das Risiko aber. Bei vier oder mehr erkranken knapp 6 Prozent am Herzen, also etwa anderthalbmal so viele wie ohne Kindheitstrauma.

Balkendiagramm: Herzerkrankung bei 4 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 6 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Herzerkrankung nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Lebererkrankungen

Auch die Leber ist betroffen. Ohne Kindheitstrauma hatten 5 Prozent der Erwachsenen schon einmal eine Hepatitis oder Gelbsucht. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 11 Prozent, also doppelt so viele. Ein Teil davon dürfte mit Alkohol und Drogen zusammenhängen, denn beides belastet die Leber stark.

Balkendiagramm: Hepatitis oder Gelbsucht bei 5 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 11 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: Hepatitis oder Gelbsucht nach Anzahl der Kindheitstraumata

Kindheitstrauma und Lungenerkrankungen

Ähnlich sieht es bei der Lunge aus. Ohne Kindheitstrauma haben 3 Prozent der Erwachsenen eine chronische Lungenerkrankung wie COPD. Bei vier oder mehr Kindheitstraumata sind es 9 Prozent, also dreimal so viele. Hier schließt sich der Kreis zum Rauchen, denn wer als Erwachsener raucht, schadet vor allem seiner Lunge.

Balkendiagramm: chronische Lungenerkrankung bei 3 % der Erwachsenen ohne Kindheitstrauma und bei 9 % mit mindestens vier Kindheitstraumata, nach ACE-Studie
Ergebnisse der ACE-Studie: chronische Lungenerkrankung nach Anzahl der Kindheitstraumata

Was die Ergebnisse der ACE-Studie zeigen

Die amerikanische ACE-Studie beweist einen eindeutigen Zusammenhang zwischen traumatischen Kindheitserlebnissen und der Gesundheit als Erwachsener. Die Traumafolgestörungen im Erwachsenenalter sind vielfältig. Doch eines ist sicher: Je mehr Traumatisierungen Menschen in ihrer Kindheit erlebt haben, desto größer ist der negative Einfluss auf die spätere Gesundheit als Erwachsener, psychisch als auch physisch.

Sie zeigt vor allem zwei Dinge:

Erstens: Je mehr Kindheitstraumata ein Mensch erlebt hat, desto wahrscheinlicher wird er als Erwachsener krank. Bei fast allen Diagrammen steigen die Balken von links nach rechts an. Menschen mit vier oder mehr Kindheitstraumata sind am stärksten betroffen.

Zweitens: Die Folgen sind erstaunlich vielfältig. Ein Kindheitstrauma kann die Seele treffen, in eine Sucht führen und den Körper krank machen. Oft hängt das eine mit dem anderen zusammen. Wer seinen Schmerz mit Zigaretten, Alkohol oder Essen betäubt, schadet später auch Lunge, Leber und Herz.

Wie sich ein Kindheitstrauma im Alltag zeigt, etwa durch Trigger, Glaubenssätze oder Bindungsmuster, liest du in: Welche Folgen haben Kindheitstraumata im Erwachsenenalter?

Wichtig ist aber auch: Die Zahlen zeigen Wahrscheinlichkeiten, kein Schicksal. Nicht jeder Mensch mit einer schweren Kindheit wird krank. Und auch emotionale Wunden der Kindheit lassen sich heilen.

Die ACE-Studie erfasst nur 10 Arten von Kindheitstrauma. Viele Verletzungen sind leiser: wenn ein Kind sich nicht sicher fühlen durfte oder niemand da war, der es auffängt. Mehr dazu liest du in: Existenztrauma und Bindungstrauma.

Vielleicht fragst du dich jetzt, welche Kindheitserfahrungen die ACE-Studie überhaupt zählt. Die 10 Arten von Kindheitstrauma findest du hier: ACE-Studie einfach erklärt.

Was ich selbst unter einem Kindheitstrauma verstehe und wie es im Gehirn entsteht, erkläre ich in: Kindheitstrauma – einfach erklärt.

Quelle: ACE-Studie von Felitti, Anda u. a., veröffentlicht 1998 im American Journal of Preventive Medicine.

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