Wenn die Vaterliebe fehlt: Die unsichtbaren Traumafolgen für Kinder

Was wäre, wenn ich dir sage: Ein Kind kann traumatisiert sein, ohne dass es jemals Gewalt erfahren hat, ohne dass es jemals sexualisierten oder emotionalen Missbrauch erfahren hat und ohne dass es vernachlässigt worden ist. Fehlende Vaterliebe ist genau so ein Kindheitstrauma – unsichtbar, oft jahrelang unerkannt, aber mit realen Folgen. Die gute Nachricht vorab: Ein Kindheitstrauma kann geheilt werden.

Mein Name ist Andrea Wiedel. Ich bin Traumacoach und Autorin. In diesem Artikel geht es um mein Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“ – über Vaterabwesenheit, alleinerziehende Mütter und die unsichtbaren Traumafolgen für Kinder. Dies ist der erste Teil einer kleinen Beitragsreihe rund um das Buch.

Ein abwesender Vater ist ein Trauma. Das sage ich, und das will ich dir in diesem Beitrag erklären.

Was bedeutet Vaterabwesenheit? Wenn der Vater fehlt

Die Forschung unterscheidet drei Formen von Vaterabwesenheit.

Die erste Form – und um die geht es in meinem Buch – ist der physisch abwesende Vater. Das sind Väter, die ihre Kinder im Stich lassen, nachdem sie sich von der Mutter getrennt haben, oder die von Anfang an nicht mit der Mutter zusammen sind und sich nicht um ihre Kinder kümmern. Wer physisch vaterlos aufwächst, wächst ganz ohne diese Bezugsperson auf.

Die zweite Form ist der emotional abwesende Vater. Das sind Väter, die zwar scheinbar im Familienleben präsent sind, aber die Mutter die Hauptlast trägt, weil der Vater sich nicht an Kindererziehung und Fürsorge beteiligt – oder einfach Karriere macht, Drogen nimmt oder mit sich selbst beschäftigt ist.

Die dritte Form ist der emotional negativ anwesende Vater: normalerweise abwesend, aber wenn er da ist, schlägt, beleidigt oder wertet er das Kind ab.

In meinem Buch geht es um den physisch abwesenden Vater – und das sind nicht wenige in Deutschland. Wir können uns dabei nur auf Schätzungen stützen, denn diese Form der Vaterabwesenheit wird kaum erforscht, sie fällt unter den Tisch. Schätzungen zufolge sind es etwa eine bis eineinhalb Millionen Väter in Deutschland, die keinen Kontakt zu ihren Kindern haben – eine bis eineinhalb Millionen Kinder, die vaterlos aufwachsen.

Warum ist Vaterlosigkeit ein Kindheitstrauma?

Der Vater ist ja weg, er macht nichts, er ist nicht da – wie kann jemand ein Trauma auslösen, der überhaupt nicht da ist?

Unsere Gesellschaft organisiert sich als Kleinfamilie: Vater, Mutter, Kind. Auch wenn ich selbst ohne Vater lebe, komme ich im Kindergarten, in der Schule, auf dem Spielplatz oder beim Fernsehen ständig mit diesem Muster in Kontakt. Mir fehlt aber eine Person – und genau das macht Vaterabwesenheit zu einem Kindheitstrauma, denn wenn ein Baustein in einer Familie fehlt, ist es ein Trauma.

Trauma ist nach meiner Definition jedes Ereignis, das ein Kind emotional überfordert und bei dem es nicht emotional begleitet wird. Im Umkehrschluss heißt das auch: Nur weil jemand alleinerziehend ist, bedeutet das nicht automatisch Traumatisierung. Wenn es ein gutes familiäres Netzwerk gibt, können andere Menschen den fehlenden Vater auffangen oder das Kind emotional begleiten.

Vaterlos aufwachsen: Wie zeigt sich das Trauma später?

Da war ich selbst überrascht. Als ich die Idee für dieses Buch hatte, habe ich einfach angefangen zu schreiben und bin erst während des Schreibens auf interessante Forschungsergebnisse zu den Folgen von Vaterlosigkeit gestoßen. Es gibt wenige Studien, weil Vaterabwesenheit kaum erforscht wird – hier nur ein kleiner Ausblick, mehr Statistiken folgen in weiteren Beiträgen:

  • 75 % der Kinder, die ohne Vater aufwachsen, haben massive Probleme damit, ihr Leben und den Alltag in den Griff zu bekommen und eine Lebensperspektive zu entwickeln.
  • 50 % haben Probleme mit Alkohol und Drogen.
  • 33 % sind arbeitslos, haben keine Ausbildung und arbeiten nur als Aushilfe.
  • 3 % haben sich einer Sekte angeschlossen.

Eine schwedische Studie – und den Schweden geht es eigentlich gut, auch bei der Beteiligung von Vätern – hat herausgefunden, dass Kinder von Alleinerziehenden ein doppelt so hohes Risiko für psychische Krankheiten, Drogenkonsum und Suizidversuche haben.

Eine Schweizer Studie hat die Jugendkriminalität mit der Familienform in Zusammenhang gesetzt: Die Kriminalität steigt von der Paarfamilie, wo sie am niedrigsten ist, zur Einelternfamilie – und ist noch höher in der Patchworkfamilie, wo man eigentlich denkt, es habe sich geregelt, weil wieder ein zweiter Elternteil da ist. Doch im Normalfall ist das nicht so. Untersucht wurden Ladendiebstahl, Vandalismus und Drogenverkauf – Delikte, von denen ich dachte, es gäbe sie in der Schweiz kaum. Die Zahlen: Paarfamilie 20 %, Einelternfamilie 30 %, Patchworkfamilie 40 % kriminell.

Vaterabwesenheit hat also massiven Einfluss auf Gesundheit und Lebensqualität im Jugend- und Erwachsenenalter. Vor allem gibt es den typischen „Zeitbombeneffekt“: Je jünger die Kinder sind, desto weniger zeigen sie Symptome – die Symptome tauchen oft erst nach sehr langer Zeit auf.

Vaterlosigkeit Folgen für Mädchen und Vaterlosigkeit Folgen für Jungen

Die Folgen von Vaterabwesenheit zeigen sich bei Mädchen und Jungen nicht immer gleich – Vaterlosigkeit Folgen für Mädchen unterscheiden sich in Teilen deutlich von den Vaterlosigkeit Folgen für Jungen. Diesem Unterschied widme ich einen eigenen, ausführlichen Beitrag in dieser Reihe, weil er zu wichtig ist, um ihn hier nur kurz anzureißen.

Warum beschäftigt mich das Thema Vaterliebe, die fehlt?

Ich war selbst jahrelang, eigentlich mein ganzes Leben, alleinerziehende Mutter mit unterlassener – also abwesender – Vaterschaft: mit einem Kindsvater, der sich null gekümmert hat.

Was mich immer wieder erschreckt, ist, wie das „Alleinerziehendsein“ pauschal vermengt wird. Wir unterscheiden nicht zwischen Alleinerziehenden mit geteilter Elternschaft und Alleinerziehenden mit abwesender Vaterschaft – und wie das von der Gesellschaft als Normalfall behandelt wird. Dabei hat Vaterabwesenheit so massive Auswirkungen.

Was folgt in dieser Beitragsreihe

In dieser kleinen Reihe rund um mein Buch „Wenn die Vaterliebe fehlt“ schauen wir uns weitere Forschungsergebnisse an, was sich gesellschaftlich ändern kann, die Vaterlosigkeit Folgen für Mädchen und die Vaterlosigkeit Folgen für Jungen im Detail, meine Überlegungen zu einem Straftatbestand der unterlassenen Vaterschaft, sowie Geschichten bekannter Persönlichkeiten, die die typischen Folgen von Vaterabwesenheit zeigen.

Interessiert dich das Thema?

Wenn dich mein Buch und das Thema Vaterabwesenheit und Alleinerziehend interessieren, findest du hier weitere Infos und kannst dich vormerken lassen, sobald es erscheint: Wenn die Vaterliebe fehlt (das Buch).

Auf meinem Blog findest du weitere Beiträge rund um Kindheitstrauma und wie es geheilt werden kann. Betrifft dich das Thema Vaterentbehrung oder Nicht-Liebe als Trauma persönlich, kannst du hier ein Coaching bei mir buchen.

Bleib auf dem Laufenden: „Wenn die Vaterliebe fehlt“

* indicates required

Intuit Mailchimp

Bewerte diesen Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

cc1e103a2ec21e65fc7b8087801b88b6.html WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner