Vaterabwesenheit: Warum Väter den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen – fünf Einflussfaktoren

Mindestens eine Million Väter entziehen sich der emotionalen Verantwortung für ihre Kinder und brechen den Kontakt ab. Eine Million – mindestens. Denn Väter, die ihre Kinder im Stich lassen, werden nicht erforscht. Es gibt keine belastbare Statistik, keine umfassende Studie, keine Erklärung zu den Folgen von Vaterabwesenheit. Die Gesellschaft schaut weg.

Ich habe hingeschaut.

Nicht gute und schlechte Väter, sondern eine Mehrheit dazwischen

Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begonnen habe, bin ich von zwei Gruppen von Vätern ausgegangen: den guten, die sich kümmern und kämpfen, und den schlechten, die von ihren Kindern nichts wissen wollen.

Im Lauf der Recherche habe ich erkannt: Die meisten Väter sind weder das eine noch das andere. Sie befinden sich irgendwo dazwischen – sie engagieren sich einigermaßen, aber am Ende doch nicht konsequent genug. Und genau das ist die größte Gruppe.

Wie viele Väter sind betroffen?

Eine einzige Forscherin habe ich gefunden, die sich mit dem Kontaktabbruch von Vätern befasst hat. Ihre Schätzung: Rund 50 Prozent der Väter brechen den Kontakt zu ihren Kindern ab.

Je nachdem, welche Studie man zugrunde legt, gibt es in Deutschland zwischen 2,3 und 3 Millionen Alleinerziehende – die Spannbreite hängt davon ab, ob erwachsene Kinder mitgezählt werden. Daraus ergeben sich rund eine bis 1,5 Millionen Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen. Da Väter oft mehr als ein Kind haben, wachsen entsprechend mehr Kinder in Vaterlosigkeit auf – mindestens eine halbe bis eine Million.

Die fünf Einflussfaktoren für Kontaktabbruch

In meinem Buch bin ich den Ursachen ausführlich nachgegangen. Hier sind die fünf wesentlichen Einflussfaktoren im Überblick:

1. Sozialer Status Je höher der Bildungsgrad und die berufliche Stellung, desto seltener brechen Väter den Kontakt zu ihren Kindern ab.

2. Finanzielle Möglichkeiten Umgang mit den Kindern kostet Geld – Fahrtkosten, ein extra Zimmer für Besuche. Je besser die finanzielle Situation, desto eher wird der Umgang wahrgenommen.

3. Beziehung zur Kindsmutter Ist das Kind in einer Ehe oder einer liebevollen Beziehung entstanden, bleibt der Kontakt eher erhalten. Und: Je kürzer die Trennung zurückliegt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater in Kontakt bleibt. Mit zunehmender Dauer seit der Trennung steigt das Abbruchrisiko.

4. Alter der Kinder Je jünger die Kinder, desto eher bricht der Kontakt ab. Je älter die Kinder, desto eher bleibt er bestehen.

5. Strukturelle Benachteiligung der Väter Auch das Jugendamt benachteiligt Väter strukturell. Die vielzitierte PETRA-Studie zeigt: 60 Prozent der Mütter, aber nur 30 Prozent der Väter empfanden die Beratung durch das Jugendamt als hilfreich. Und während 70 Prozent der Mütter die Beratung als neutral wahrnahmen, waren es bei den Vätern 0 Prozent. Null Prozent. In Worten: Kein einziger Vater nahm die Beratung des Jugendamtes als neutral wahr.

Kontaktabbruch ist selten eine bewusste Entscheidung

Die Forscherin, auf deren Arbeit ich mich stütze, kommt zu einem klaren Ergebnis: Der Kontaktabbruch der Väter ist selten eine bewusste Entscheidung. Vielmehr verläuft sich der Kontakt mit der Zeit nach der Trennung im Sande.

Das bestätigt, was ich eingangs beschrieben habe: Die meisten Väter stehen nicht bewusst auf einer Seite. Sie wollen sich eigentlich engagieren, aber es ist zu teuer, zu kompliziert, zu wenig organisiert – und mit der Zeit bricht der Kontakt einfach ab. Die Folgen abwesener Väter tragen am Ende die Kinder. Auch hier sprechen wir schätzungsweise von einer halben bis einer Million Väter, die für den Kontakt zu ihren Kindern zurückgewonnen werden könnten – wenn das Jugendamt sie in die Pflicht nehmen würde, statt sie strukturell zu benachteiligen.

Vom Jugendamt zum Familienamt

Das Jugendamt muss sich zu einem Familienamt weiterentwickeln – einer Institution, die Väter aktiv in ihre emotionale Verantwortung für ihre Kinder nimmt. Nur so zeigen wir als Gesellschaft, dass wir die fehlende Vaterliebe und ihre Folgen ernst nehmen. Dazu gehört auch, über einen eigenen Straftatbestand der unterlassenen Vaterschaft nachzudenken.


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