Existenztrauma und Bindungstrauma: Folgen und Heilung

Was ist ein Kindheitstrauma?

Nach meiner Definition ist ein Kindheitstrauma eine Erfahrung in der Kindheit, die dich emotional überfordert hat und bei der du allein gelassen wurdest. Deshalb ist sie nur unvollständig in deinem Gedächtnis abgespeichert und kann in der Gegenwart jederzeit durch Trigger reaktiviert werden.

Emotionale Überforderung bedeutet für Kinder, dass wesentliche Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Ich beziehe mich hier auf die Arbeit des Psychologen Franz Ruppert. Er nennt drei Grundbedürfnisse:

  • Ich möchte gewollt sein.
  • Ich möchte geliebt sein.
  • Ich möchte geschützt sein.

Wird eines dieser Bedürfnisse nicht erfüllt, kann daraus ein Entwicklungstrauma entstehen. Die drei Traumata stelle ich hier der Reihe nach vor.

Das erste Trauma: nicht gewollt sein (Existenztrauma)

Kinder wollen gewollt sein. Sie kommen auf die Welt und möchten in dem Umfeld, in das sie hineingeboren werden, mit ihrer Existenz willkommen sein. Sie brauchen eine Existenzberechtigung.

Wie das Trauma entsteht

Das Existenztrauma kann entstehen, wenn die Mutter das Kind ablehnt, vielleicht schon während der Schwangerschaft, bis hin zu Abtreibungsversuchen. Zum Beispiel kann es entstehen, wenn die Familie finanzielle Schwierigkeiten und Existezsorgen hat und/oder wenn der Vater die Mutter allein lässt. Über das Thema „Wenn die Vaterliebe fehlt“, habe ich ein Buch geschrieben.

Eine andere Variante beschreibt das sehr interessante Buch „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“. Darin geht es unter anderem um eine ganz normale Familie, in der die Mutter zu wenig Erfahrung hatte und aufgrund einer Intelligenzminderung nicht wusste, was ein Baby braucht. Sie ließ das Kind stunden- und tagelang allein, und niemand hat es bemerkt.

So unterschiedlich die Umstände sind, das Ergebnis ist dasselbe: Das Kind hat das Gefühl, keine Existenzberechtigung zu haben.

Typische Folgen im Erwachsenenalter

Menschen mit einem Existenztrauma haben oft zu wenig Lebenswillen und zu wenig Lebenskraft. Sie haben nie gelernt, in ihrem Leben Gas zu geben. Es sind die typischen Symptome, bei denen häufig eine Depression diagnostiziert wird.

Daraus ergeben sich zwei Richtungen:

  • Rückzug: Man hängt depressiv durch und kommt nicht in die Gänge.
  • Übermäßiger Antrieb: Man geht ins andere Extrem und will seine Existenz beweisen. Wer als Kind nie erlebt hat, allein durch sein Dasein eine Existenzberechtigung zu haben, versucht sie sich als Erwachsener zu verdienen: durch viel Arbeit und viel Leistung. Das kann in den Burnout führen. Bei (alleinerziehenden) Mütter wird oft nur Depression diagnostiziert, obwohl sie ausgebrannt sind.

Meine ganz persönlichen Buchtipps gegen Depression und Burnout

Ausschluss aus der Gemeinschaft

Das Existenztrauma muss nicht in der Familie entstehen. Es kann auch unter Gleichaltrigen entstehen, wenn ich aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen werde. Kinder wollen Zugehörigkeit erleben und Teil einer Gemeinschaft sein.

Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sozialen Herkunft oder einer Behinderung ausgeschlossen und diskriminiert werden. Oder auch aufgrund ihrer anderen Denkweise bei Neurodiversität, wie zum Beispiel AD(H)S, Autismus oder Hochbegabung. Auch das kann Lebenskraft und Lebenswillen mindern.

Dazu gibt es ein sehr lesenswertes Buch: „Behindert und stolz“ von Luisa L’Audace. Sie hatte eine gesunde Familie, erlebte aber wegen ihrer körperlichen Behinderung in der Schule massive Diskriminierung.

Das zweite Trauma: nicht geliebt werden (Bindungstrauma)

Alle Kinder kommen mit ganz viel Liebe auf die Welt. Sie wollen lieben und geliebt werden. Liebe ist beidseitig; ist sie nur einseitig, ist es keine Liebe.

Wie das Trauma entsteht

Manche Kinder erfahren diese Liebe nicht. Das kann verschiedene Gründe haben:

  • Die Eltern wissen nicht, wie sie ihrem Kind Liebe zeigen können.
  • Das Kind bekommt „zu viel“ Liebe: Es wird verzärtelt, die Eltern verhalten sich als Helikopter-Eltern.
  • Den Eltern fehlen die emotionalen und psychischen Ressourcen, weil sie zu sehr mit eigenen Problemen belastet sind, etwa mit Existenzsorgen oder gesundheitlichen Sorgen.
  • Das Kind wächst ohne Vater oder ohne Mutter auf, zum Beispiel Wenn die Vaterliebe fehlt

Typische Folgen im Erwachsenenalter

Zu wenig Liebe in der Kindheit hinterlässt ein Bindungstrauma. Es äußert sich später in typischen Bindungsstörungen. Auch hier gibt es zwei Varianten:

  • Vermeidender Bindungstyp: Ich deckle mein Bedürfnis nach Liebe. Das sind die Einzelgänger, die sagen: „Ich komme auch ganz gut alleine zurecht.“
  • Ängstlicher Bindungstyp: Ich mache das Gegenteil. Wenn ich einen Partner oder eine Partnerin finde, binde ich mich so stark und identifiziere mich so sehr mit ihm oder ihr, dass ich ständig Angst habe, den anderen zu verlieren. Denn dann wäre ich wieder allein und ungeliebt. Ich verschmelze mit dem anderen.

Beides ist nicht wirklich heilsam. Heilsam wäre: Wir stehen für uns ein und sind auf Augenhöhe gebunden. Wir müssen keine Angst haben, jemanden zu verlieren, und können unsere eigenen Bedürfnisse genauso wahrnehmen wie die des anderen.

Infografik: Die drei Kindheitstraumata nach Franz Ruppert – nicht gewollt, nicht geliebt, nicht geschützt sein
Die drei Grundbedürfnisse von Kindern nach Franz Ruppert: gewollt, geliebt und geschützt sein

Das dritte Trauma: nicht geschützt sein

Das dritte Trauma ist das Trauma der Sexualität. Kinder brauchen Schutz, um seelisch und körperlich unversehrt aufzuwachsen.

Wie das Trauma entsteht

In einem ungeschützten Umfeld werden Kinder oft für die ungesunden Bedürfnisse von Erwachsenen missbraucht. Sie erleben sexualisierte Gewalt: Statt geschützt zu werden, werden sie zum sexuellen Objekt gemacht.

Das kann durch körperliche Übergriffe geschehen. Es können aber auch schon Blicke sein, etwa wenn ein Erwachsener sexualisierte Gedanken hat, während ein Kind ganz unschuldig halb nackt oder nackt im Garten spielt. Solche Übergriffe finden zum Teil schon bei Babys statt.

Wichtig ist: Ich muss mich als Erwachsene nicht an den Übergriff erinnern können. Traumatisierungen entstehen auch dann, wenn die Erinnerung fehlt. Das Erlebte ist in unserem ganzheitlichen System aus Körper, Seele und Geist gespeichert. Zur Frage, wie wichtig die Erinnerung ist, werde ich ein eigenes Video machen.

Mögliche Folgen im Erwachsenenalter

Eine mögliche Traumafolgestörung sind Schwierigkeiten mit der Sexualität. Auch sie können in zwei Richtungen gehen:

  • Vermeidung: Es fällt mir schwer, Sexualität zu erleben. Ich meide sie ganz, empfinde sie als etwas Schmutziges, habe keine sexuellen Bedürfnisse oder nehme sie nicht wahr und unterdrücke sie.
  • Wahllosigkeit: Ich lebe Sexualität wahllos aus. Wer gerade um die Ecke kommt, wird zum Sexualpartner, zum Sexualobjekt. Es ist Sexualität ohne Bindung.

Das alles sind mögliche Traumafolgen. Eine Monokausalität gibt es nicht.

Eine kalte Kindheit kann man nicht ungeschehen machen. Aber du kannst dein Kindheitstrauma loswerden, indem du dein Gedächtnis änderst. Du kannst die alten traumatischen Erfahrungen überschreiben und dein Gehirn im Hier und Jetzt auf Lebensfreude, Lebendigkeit und Glück fokussieren. Eine Möglichkeit dazu ist das Coaching mit Tiefer Empathie (Tiefe-Empathie-Methode TEM©).

Andrea Wiedel

Quelle:
Franz Ruppert: Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Klett-Cotta, Stuttgart 2018.
Luisa L’Audace: Behindert und stolz. Warum meine Identität politisch ist und Ableismus uns alle etwas angeht. Eden Books, Berlin 2022.

Mein Coaching für Dich

Glaubst du, dass du auch ein Kindheitstrauma hast? Möchtest du die emotionalen Verletzungen deiner Kindheit heilen? Vermutest du, dass eines die Kindheitstraumata bei dir vorliegt? Möchtest du die emotionalen Verletzungen deiner Kindheit heilen?

Auch ich habe viele emotionalen Wunden aus der Kindheit davon getragen. Mir selbst hat Tiefe Empathie geholfen, und auf dieser Basis habe ich meine eigene Methode entwickelt: Coaching mit Tiefer Empathie (Tiefe-Empathie-Methode, TEM©).

Sie hilft dir, für das unvollständig abgespeicherte Erlebnis in der Vorstellung ein gutes Ende zu finden. So wird Traumaintegration möglich: Du lebst freier, kannst dich besser entfalten und hast Zugang zu deinen Ressourcen. Möchtest du es ausprobieren?

In einem Schnuppercoaching am Telefon nehme ich mir 90 Minuten Zeit für das, was dich gerade am meisten belastet. Du erlebst, wie die Methode TEM© wirkt, und entscheidest danach in Ruhe, ob du mit mir weiterarbeiten möchtest.

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